Verteilung und Methodik im Musikstreaming
- eine kritische Analyse 

Vorwort

Die vorliegende Arbeit nimmt es sich zur Aufgabe das aktuell viel diskutierte Thema der Ungleichheit im Musikstreaming zu analysieren. Hauptgegenstand der Arbeit ist zum einen eine von Spotify veröffentlichte Formel, aus der die Ungleichheitsproblematik abgeleitet werden soll. Weiterhin wird im Verlauf der Arbeit die Aussagekraft von sog. Streamwerten untersucht werden. Hierbei wird aufgrund des bisweilen noch jungen Forschungsgegenstands hauptsächlich auf Quelltexte aus dem Internet, wie (Fach-)Artikel, Veröffentlichungen von Verbänden oder anderen Marktteilnehmern der Tonträgerindustrie und Ähnlichem zurückgegriffen. Ziel der Arbeit ist es, für mehr Verständnis seitens der Künstler:innen als auch der Bevölkerung zu sorgen.

Einleitung

Wie kommt es eigentlich, dass die Mehrheit der Musiker:innen und Bands heutzutage in einer derart problematischen ökonomischen Ausgangslage ist? Gab es in der Vergangenheit noch einigermaßen Halt (oder zumindest Orientierung) durch den Verkauf physischer Tonträger, ist man heute an einem Punkt angelangt, an dem der Großteil der Künstler:innen so wenig durch Musikkonsum verdient wie nie zuvor. Durch die zunehmende Etablierung der Streamingdienste, die mittlerweile global mehr als 50 Prozent der Einnahmen der Tonträgerindustrie [1] ausmachen, gerät Spotify als Weltmarktführer und Treiber des Musikstreamings dazu regelmäßig in die Kritik der medialen Berichterstattung. Mitunter wird dem Streamingdienst vorgeworfen und von ihm gefordert, die Beträge, die an die Künstler:innen ausgezahlt werden, wären grundsätzlich zu niedrig und müssten deshalb erhöht werden. Dass dieser Ansatz mitunter zu kurz greift, und dennoch einige, wenige Akteure, auch nach etwaigen Erhöhungen noch von diesem Vergütungsmodell profitieren würden, dazu soll diese Analyse dienen. Daher wird zum einen offengelegt, warum es im sog. Pro-Rata Modell zu einer Übervorteilung bestimmter Gruppen kommen kann, zum anderen, dass den Auszahlungen ein Prozess zugrunde liegt, der regelt, "wann" [2] Künstler:innen ihr Geld erhalten und weshalb eine korrekte Zuordnung so wichtig ist, wenn in irgendeiner Form von auszuzahlenden Beträgen oder sog. Streamwerten die Rede ist. Antworten auf diese Fragen lassen sich fast ausschließlich aus der von Spotify bereits im Jahr 2013 veröffentlichte Formel ableiten (s. unten).[3]

Funktionsweise des Pro-Rata Modells

Zunächst einmal: Was passiert eigentlich mit dem Geld, das Abonnent:innen jeden Monat an Spotify zahlen? Dieses Geld bzw. alle Einnahmen des Streamingdienstes fließen in einen großen Topf zusammen. Dann muss dieser unter den Rechteinhabern, zu denen auch die Künstler:innen gehören, ausgezahlt werden. Und hier kommt die Pro-Rata Thematik ins Spiel: Der Anteil der Künstler:innen, der sich aus der Anzahl ihrer Streams im Verhältnis zu allen gehörten Streams aller Künstler:innen ergibt, wird mit der gesamten Geldsumme im Topf verrechnet. Die Problematik dabei: Künstler:innen mit relativ hohen Streamzahlen profitieren überproportional von diesem Modell. Ein Beispiel: Angenommen der Singer-Songwriter und Weltstar Ed Sheeran erzielt in einer Abrechnungsperiode eine Milliarde Streams. Ingesamt werden in diesem Zeitraum zwei Milliarden Streams registriert. Nach oben beschriebener Thematik würde Ed Sheeran nun abzüglich des Spotify-Anteils sowie der Anteile seines Labels und Verlags 50 Prozent, also die Hälfte aller Einnahmen (!) bekommen. Soweit so gut. Aber was ist mit den anderen Künstler:innen? Für sie gilt das gleiche, da ihr Anteil aus demselben Topf geschöpft werden muss. Man nehme nun das Beispiel einer Künstlerin mit relativ wenigen Streams, also beispielsweise einer Newcomerin oder einer Independent Artist. Würde sie mit einem Song beispielsweise 100 Streams erreichen, müssten diese 100 Streams erneut in Relation zu den ingesamt zwei Milliarden registrierten Streams gesetzt und dann mit dem Gesamtumsatz verrechnet werden.[4] Ginge man in diesem Beispiel von einem User aus, der ausschließlich diesen einen Song der Newcomerin 100 Mal streamt und als Premiumkunde 10 Euro Monatsgebühr an den Streaminddienst zahlt, bedeutet das, dass sein Geld zum Großteil nicht bei ihr ankommt, sondern erst einmal grundsätzlich allen Künstler:innen des Streamingdienstes zur Verfügung steht, insbesondere aber den Großen der Industrie zu Gute kommt, die - und das ist der, zumindest aus Kund:innenperspektive, entscheidende Punkt - nicht zwangsläufig von diesem User gehört werden müssen. [5] 
Nach selbigem Muster ließe sich überdies beispielhaft der Wert eines Streams berechnen. Detaillierte Ausführungen dazu sind im Abschnitt Zum Streamwert zu finden.

Das eben beschriebene Beispiel um den Künstler Ed Sheeran als auch der Independent-Artist ist hier noch mal grafisch aufbereitet, in der die Spotify-Formel aus Gründen der Einfachheit um den prozentualen Anteil der Künstler:innen am Gesamtkuchen unterstützend hervorgehoben wurde. Abbildung 3 ist dabei noch um die Dramatik des Users ergänzt, der 10 Euro monatlich zahlt, dessen Monatsbeitrag aber nur verschwindend geringe Auswirkungen am Künstleroutput der Newcomerin hat.

Der Auszahlungsprozess: eine schrittweise Vergütung der Einnahmen-berechtigten Parteien

Ein weiterer wichtiger Faktor ist, dass Künstler:innen und Bands nicht direkt von Spotify ausbezahlt werden, sondern es sich um eine schrittweise Vergütung der an den Einnahmen berechtigten Parteien handelt. In erster Instanz fließen die Geldbeträge - selbstverständlich nach Abzug des Spotify-Anteils von ca. 30 Prozent - an die Labels oder Online-Distributoren (wie beispielsweise CD-Baby oder Tune Core, die anstelle der Labels Verträge mit den Streamingdiesten haben und die die Musik ihrer Kund:innen auf den verschiedenen Plattformen verfügbar machen) und die Verlage bzw. Verwertungsgesellschaften. Von den übrig bleibenden 70 Prozent gehen in der Regel 50-60 Prozent an die Labels - zumindest im Fall der Majors - und 10-15 Prozent an die Verlage.[6][7][8] Der Topf,oder Kuchen bestehend aus den 100 Prozent der Einnahmen, wurde nun vollständig aufgeteilt (Spotify: ~30 Prozent, Labels: ~60 Prozent, Verlage: ~10 Prozent). Gleichzeitig ist ein weiterer Kuchen entstanden, im Falle der Labels einer mit 60 Prozent, der diesen selbst zustehet, von dem aber auch die Künstler:innen-Anteile bestimmt werden müssen, da sie an die Labels und nicht an die Streamingdienste vertraglich gebunden sind. Nach der bereits erwähnten Vergütung erster Instanz: Streamingdienst - Label, kann nun von einer Vergütung zweiter Instanz: Label - Künstler:in gesprochen werden. Angaben kursieren dabei um die 15-20 Prozent, die Künstler:innen vom Labelkuchen erhalten.[9] Kehrt man nun zum Beispiel mit Ed Sheeran zurück, s. dazu auch Abbildung 2, wird ersichtlich, dass selbstverständlich auch das Label mit 50 Prozent an den Einnahmen beteiligt wird, es grundsätzlich aber dem Künstler in der Auszahlungskette vorangestellt ist.[10] 

Unten ist noch einmal die Thematik anhand dreier Kuchendiagramme dargestellt. Beim ersten ist die grundlegende Verteilung zwischen Label, Spotify und den Verlagen zu sehen. Mittig sei für interessierte Leser der dritte Teil der Formel eingebunden, der circa 60 Prozent des Labelanteils hier als 86 Prozent von 70 Prozent der Rechteinhaber als Ganze darstellt, aber für das weitere Verständnis weniger wichtig ist. Das letzte und kleinste Diagramm gibt Auskunft über prozentuale Beteiligungen der Künstler:innen am Anteil des Labels bzw. Labelkuchen. (Auf die Rolle bzw. Beziehung der Online-Distributoren zu den Künstler:innen wird im abschließenden Kapitel kurz hingewiesen). 

Zum Streamwert

Vier Abschnitte sollen sich kritisch mit der Thematik um Streamwerte oder den sog. "Wert" eines Streams auseinandersetzten. Im ersten Teil wird diesbezüglich kurz auf die mathematische Aussagekraft der Formel als Ganze hingewiesen. Darauf folgend wird die Wichtigkeit der richtigen Zuordnung der Werte herausgestellt. Anknüpfend wird die Erarbeitung zeigen, warum Streamwerte maximal nachträglich berechnet werden können und inwieweit diese Begrifflichkeit überhaupt zutreffend ist. Das Kapitel endet mit einem Gedankenexperiment.

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Erschienen im Mai 2021

Autor: Richard Connerth